Wissenschaftliche Texte lesen & exzerpieren

Das Wort exzerpieren ist dem Lateinischen entlehnt und bedeutet ins Deutsche übertragen ,herausklauben‘ oder ,auslesen‘. Mit anderen Worten:

Das Exzerpt ist die auszugsweise Wiedergabe eines Textes. Es wird meist unter einer bestimmten Fragestellung erstellt und kann selbständig, je nach der zugrundeliegenden Fragestellung, gegliedert werden und braucht nicht dem Aufbau des Textes zu folgen. Der Gesamtzusammenhang als Kontext des Exzerpierens muß allerdings erkennbar bleiben (Rückriem/Stary/Franck 91995:144).

Exzerpte können 1. wörtliche Abschriften wichtiger Textpassagen sein (= Zitat) oder 2. wichtige Stellen des Textes in eigenen Worten wiedergeben (= Paraphrase).

Wichtig ist für alle Exzerpte der Aspekt der Fragestellung, also dass sie zielgerichtet erstellt werden: Nur mithilfe einer konkreten Fragestellung, mit der ich an einen Text herangehe, kann ich auch ein sinnvolles, hilfreiches Exzerpt erstellen (vgl. auch Abschnitt zur SQ3R-Methode unten).

Exzerpt versus Textzusammenfassung

Im Unterschied zu Exzerpten sind knappe, d.h. stark komprimierte Textzusammenfassungen zu sehen, die üblicherweise allgemein gehalten und im Gegensatz zum Exzerpte nicht mit einer bestimmten Fragestellung verknüpft sind. Solche Textzusammenfassungen eignen sich insbesondere dafür, sich einen Überblick über ein Wissensgebiet zu verschaffen, indem für die relevante Literatur jeweils eine Textzusammenfassung angefertigt wird, die die Kernaussagen des jeweiligen Textes enthält. Selbstverständlich werden auch Textzusammenfassungen mit korrekten und vollständigen bibliographischen Angaben versehen.

Exzerptformen

Das wörtliche Exzerpt – die Zitatsammlung

Wie der Name bereits verrät, entspricht das wörtliche Exzerpt einer Auflistung von wichtigen, prägnanten Zitaten innerhalb des zugrunde liegenden Textes. Diese Art des Exzerpierens hat verschiedene Vorteile. Die Fähigkeit, wichtige Textpassagen zu erkennen, wird geschult, und durch die Abschrift wissenschaftlicher Texte können wissenschaftliche Ausdrucksformen geläufig und letztlich in den eigenen Sprachgebrauch übernommen werden.

Hinweis: Bei einem wörtlichen Exzerpt kann es hilfreich sein, Zitate unter einem prägnanten Stichwort zu notieren, um sie später sofort mit einer wesentlichen Aussage in Verbindung zu bringen.

Solche Sammlungen von Zitaten sind gut geeignet, um wissenschaftliche Hausarbeiten vorzubereiten. Sie müssen dazu so sorgfältig und philologisch korrekt erstellt werden, dass beim Verfassen einer wissenschaftlichen der Zugriff das Exzerpt ausreicht – auch für die Verwendung von Zitaten und Paraphrasen muss dann nicht mehr auf den eigentlichen Text zugegriffen werden.

Die Paraphrase – die Zusammenfassung in eigenen Worten

Eine Paraphrase gibt die wesentlichen Inhalte des Textes nicht in Form von Zitaten wieder, sondern beschreibt diese in den Worten des Exzerpierenden. Aber Achtung! Da ihr das Gedankengut eines anderen Autors rezipiert, ist auch hier – ebenso wie bei einem Zitat – eine Literaturangabe unerlässlich, andernfalls ist später der philologisch korrekte und sorgfältige Zugriff auf das Exzerpt nicht mehr möglich!

Durch das Paraphrasieren könnt ihr überprüfen, ob ihr den Text verstanden habt, da das Umformulieren eines Textes unbedingt einen Verstehensprozess voraussetzt. Eine Paraphrase fordert, dass ihr euch mit dem Text auseinandersetzt; solche Exzerpte sind daher besonders gut geeignet, um sich auf Klausuren, mündliche Prüfungen, Referate, Präsentationen und Vorträge vorzubereiten, in denen es zwar um die genaue Kenntnis von Texten, Positionen und Forschungsergebnissen geht, wörtliche Zitate aber nur eher selten eine Rolle spielen.

Paraphrase oder heimliches Zitat (= Plagiat)?

Mit einer Wiedergabe in eigenen Worten ist genau das gemeint: Es geht nicht um den bloßen Austausch von Funktionswörtern bei Beibehaltung der sinntragenden Fachwörter, sondern um eine inhaltlich adäquate Reformulierung. Wenn also im Original steht:

„Das Problem der Klärung der Herkunftsfrage von Entlehnungen ist darauf zurückzuführen, dass der aktuelle Entwicklungszustand der Sprachen das Ergebnis eines jahrhundertelangen ständigen gegenseitigen Austausches von lexikalischen und anderen Elementen ist.“ (Burmasova 2010:56)

dann stellt der folgende Text keine Wiedergabe in eigenen Worten dar, sondern vielmehr ein heimliches, verstecktes Zitat, in dem nur einige syntaktische Strukturen angepasst und einige Funktionswörter ausgetauscht wurden:

Die Klärung der Herkunftsfrage von Entlehnungen ist problematisch, weil der aktuelle Entwicklungszustand einer Sprache auf einem jahrhundertelangen ständigen gegenseitigen Austausch beruht, der die Lexik und andere Elemente betrifft. (Vgl. Burmasova 2010:561))

Wenn ihr solche Paraphrasen unreflektiert aus eurem Exzerpt in eure Hausarbeit übernehmt, setzt ihr euch dem (völlig berechtigten!) Vorwurf des Plagiates aus.

Eine echte Paraphrase könnte etwa so aussehen:

Entlehungen lassen sich oft nicht eindeutig zuordnen, weil eine Sprache synchron betrachtet „das Ergebnis eines jahrhundertelangen ständigen gegenseitigen Austausches“ (Burmasova 2010:56) mit anderen Sprachen ist. Elemente dieses Austauschs sind neben Wörtern auch Strukturen, Aussprachen usw. (Vgl. Burmasova 2010:56)

Hier seht ihr, dass ein sinntragendes Element als echtes Zitat in die Paraphrase eingefügt ist (Mischform, vgl. unten). Eine solche Paraphase könnt ihr unter Nennung der Quelle genau so in eure Hausarbeit übernehmen:

Entlehungen lassen sich nach Burmasova (2010:56) oft nicht eindeutig zuordnen, weil eine Sprache synchron betrachtet „das Ergebnis eines jahrhundertelangen ständigen gegenseitigen Austausches“ (Burmasova 2010:56) mit anderen Sprachen ist. Elemente dieses Austauschs sind neben Wörtern auch Strukturen, Aussprachen usw.

Paraphrase und freie Wiedergabe

Eine Sonderform der Paraphrase ist die freie Wiedergabe etwa ganzer Kapitel. Im Gegensatz zur Paraphrase, in der üblicherweise relativ kleinschrittig vorgegangen wird, ist die freie Wiedergabe großflächiger; hier werden etwa ganze Kapitel, die für die eigene Zielsetzung weniger relevant erscheinen, komprimiert wiedergegeben.

Solche ‚Exzerpte‘ grenzen deutlich an Zusammenfassungen; eine genaue definitorische Unterscheidung fällt hier entsprechend schwer, auch wenn solchen freien Wiedergaben ebenfalls eine Fragestellung zugrunde liegt: Sie gehören in der Regel ja zu einem Exzerpt mit Zitaten oder Paraphrasen, stellen aber für die Fragestellung weniger relevante Abschnitte des exzerpierten Textes großflächiger dar.

Die Mischform

Hierbei handelt es sich um ein Exzerpt, das sowohl Zitate als auch Paraphrasen enthält und zusätzlich auch sehr gut für eigene Ideen geeignet ist. Besonders wichtig ist bei dieser Form des Exzerptes, eigenes Gedankengut von dem des Autors zu trennen. Daher gilt auch hier: Alle Paraphrasen und Zitate sind unbedingt mit genauer Quellenangabe zu versehen und deutlich zu kennzeichnen, insbesondere voneinander zu unterscheiden.

Wissenschaftliche Texte zielgerichtet lesen: SQ3R als möglicher Weg zum Exzerpt

Die sog. SQ3R-Methode, die als Methode zum intensiven Lesen von Texten entwickelt wurde, lässt sich durch geringe Erweiterungen dazu verwenden, um ein Exzerpt zu erstellen. Das mögliche Vorgehen wird in der Tabelle beschrieben.

PhaseStufeFunktionAufgaben beim Exzerpt
I
Vorbereitung
1 SurveyÜberblick gewinnenDurchsehen von Titel, Literaturverzeichnis und von Inhaltsverzeichnis sowie – falls vorhanden – Zusammenfassung der Arbeit; Notieren der bibliographischen Angabe.
2 QuestionErarbeitung einer Fragestellung oder Zielrichtung für die TextlektüreFormulierung von Fragen an den Text anhand der klassischen W-Fragen (Wer? Was? Wann? Wo? Wie? Warum? …) und/oder Orientierung an Leitfragen unter Einbeziehung der Überschriften oder man stellt konkrete Fragen: „Was sind die Hauptaussagen des Textes? Welche Forschungsposition bezieht der Text?“
II
Lesen
3 ReadLesenLesen – mit Stift und Zettel! Text strukturieren, Sinnabschnitte bilden, Anstreichungen und Anmerkungen (ggf. mit Abkürzungen) vornehmen
III
Nachbereitung
4 ReciteSich den Text in Erinnerung rufenZusammenfassung des Gelesenen mit eigenen Worten (Paraphrase) oder Anlegung von Zitatensammlungen → Abfassung des Exzerpts, dabei sorgfältige Trennung von eigenen und fremden Gedanken
5 ReviewErneutes Durchsehen, RepetierenÜberprüfung, ob der Text verstanden und die Fragen beantwortet wurden; ggf. Abfassung einer kurzen Zusammenfassung

Darstellung nach Rothstein (2011:44); Ergänzung Tutorenteam (2012, 2016, 2017)

Formale Vorgaben

Exzerpte werden in der Regel vor allem zur eigenen Vor- und Nachbereitung wissenschaftlicher Texte angefertigt. Sie dienen der Prüfungsvorbereitung, zur Vorbereitung von Hausarbeiten, Referaten und anderen Vortragssituationen und können euch auch noch in späteren Semestern präzise den Inhalt eines Textes vor Augen führen. Da sie in der Regel Mittel der individuellen Auseinandersetzung mit Texten und Instrumente des eigenen Informations- bzw. Wissensmanagements sind, sind formale Vorgaben für Exzerpte daher eher unüblich. Wichtig ist vielmehr, dass sie aus Sicht des Verfassers/der Verfasserin logisch aufgebaut sowie übersichtlich sind und auch in späteren Semestern nachvollziehbar und hilfreich bleiben – ob in tabellarischer Form, stichpunktartig oder als Fließtext. Dass sie philologisch sorgfältig erstellt werden, ergibt sich aus ihrer Funktion (vgl. auch oben).

Manchmal kann es vorkommen, dass ihr Exzerpte im Rahmen eines Seminars gestalten und dem jeweiligen Lehrenden vorlegen müsst. Fragt in dem Fall noch einmal nach, welche Form des Exzerptes verlangt wird.

Beispiel für den Aufbau eines Exzerptes

Quellenangabe: …
Fragestellung: …
SeiteSchlagwortParaphrase oder ZitatEigene Notizen oder Anmerkungen

Literatur

Burmasova, Svetlana (2010): Empirische Untersuchung der Anglizismen im Deutschen am Material der Zeitung Die WELT (Jahrgänge 1994 und 2004). Bamberg: University Press (Bamberger Beiträge zur Linguistik 2).

Rothstein, Björn (2011): Wissenschaftliches Arbeiten für Linguisten. Tübingen: Narr.

Rückriem, Georg/Stary, Joachim/Franck, Norbert (1995): Die Technik wissenschaftlichen Arbeitens: eine praktische Anleitung. 9. Aufl. Paderborn u.a.: Ferdinand Schöningh.


Ursprungstext: Judith Janutta | Überarbeitung: Jan-Nicolas Aslanidis & Steffen Waschul | Weitere Überarbeitung: Daniel Händel

1) Bibliographische Angaben erfolgen üblicherweise im Kopf des Exzerpts.
 
reader/05/05.3_arbeitstechniken.txt · Zuletzt geändert: 2018/11/30 12:42 von haendel
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